EZB – Erste Reaktionen auf den neuen Niedrigst- & Strafzins

tf1 Team 5. Juni 2014 0
EZB – Erste Reaktionen auf den neuen Niedrigst- & Strafzins

Hans-Werner Sinn, IFO-Präsident:
„Das ist der verzweifelte Versuch, mit noch billigerem Geld und Strafzinsen auf Einlagen die Kapitalströme nach Südeuropa umzuleiten und so dort die Wirtschaft anzukurbeln. Das kann deshalb nicht funktionieren, weil dort vorher die Wettbewerbsfähigkeit verbessert werden müsste durch Reformen des Arbeitsmarktes. Die Zeche zahlen jetzt alle jene, die Geld langfristig anlegen, also die Sparer und die Besitzer von Lebensversicherungen.“

Georg Fahrenschon, Sparkassen-Präsident:
„Die Zentralbank erzeugt zunehmend gefährliche Nebenwirkungen. Statt der erhofften Impulse für die Wirtschaft in den Krisenländern werden durch die erneute Zinssenkung die Sparer in ganz Europa weiter verunsichert und Vermögenswerte zerstört. Mit ihren Massnahmen macht die EZB die Finanzmärkte auch nicht stabiler. Im Gegenteil, das überreichliche Geld quillt schon jetzt aus allen Ritzen und sucht sich immer riskantere Anlagemöglichkeiten. Gleichzeitig belasten die dauerhaft niedrigen Zinsen zunehmend das Geschäft der realwirtschaftlich orientierten und stabilen Kreditinstitute. Die daraus entstehenden Gefahren muss die Zentralbank stärker berücksichtigen.“

Michael Fuchs, Vize-Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion:
„Ich sehe erhebliche Risiken durch die Niedrigzinspolitik und die vergleichsweise üppige Geldversorgung durch die EZB. Der Druck der Märkte auf Reformen und Einsparungen gerade in den EU-Krisenländern schwindet. Darüber hinaus gefährden Niedrigzinsen in der gesamten EU die Bereitschaft zum Sparen und zur Altersvorsorge in der Bevölkerung.“

Carsten Brzeski, Ökonom ING Bank:
„Die EZB hat völliges Neuland betreten, in ihrer Mission, die Wirtschaft in der Euro-Zone zu unterstützen. Wird das die Wirtschaft anschieben? Wahrscheinlich nicht, aber es zeigt zumindest die Entschlossenheit der EZB und ihre Handlungsmöglichkeiten.“

François Savary, CIO der Bank Reyl:
„Seine (Draghis) Entscheidung zu den Zinsen fiel wie erwartet aus. Das Entscheidende ist noch, welche zusätzlichen Massnahmen er aufwartet. Ich erwarte kein ‚Quantitative Easing‘ (QE) in Form von Staatsanleihe-Käufen. Er wird eher zu Massnahmen für besicherten Wertpapieren (ABS) oder langfristigen Notenbank-Krediten (LTRO) greifen.“

Martin Wansleben, DIHK-Hauptgeschäftsführer:
„Die Zinssenkung ist nachvollziehbar, aber mit grossen Risiken verbunden. Angesichts der aktuell niedrigen Inflation musste die EZB handeln. Und sie hat die Entscheidung mit frühzeitigen Andeutungen auch klug vorbereitet. Ebenso klug müssen die Regierungen in der Euro-Zone jetzt agieren und den geldpolitischen Spielraum für weitere Anstrengungen bei den Strukturreformen nutzen. Denn die Niedrigzinsphase darf nicht ewig anhalten. Sie erhöht sonst das Risiko neuer Blasen an den Finanzmärkten.“

Sven Giegold, Mitglied des Europa-Parlaments (Grüne):
„Die Geldpolitik handelt, während die Fiskalpolitik ausser einseitiger Sparorgien nichts zuwege bringt. Damit werden die Mitgliedstaaten ihrer Verantwortung nicht gerecht. Ich bin sehr froh, dass wir mit der EZB eine europäische Institution haben, auf die Verlass ist. Menschen, die leichtfertig von Enteignung der Sparer reden, sollten sich vor Augen führen, welches Elend im letzten Jahrhundert durch Deflation ausgelöst wurde.“

Alexander Erdland, Präsdident des Versicherungsverbandes GDV:
„Der Schritt der EZB markiert eine neue Eskalationsstufe. Damit wird das Niedrigzinsniveau weiter verfestigt, zulasten der Vorsorgesparer in Deutschland. Ihre Sparanstrengungen werden durch die EZB untergraben. Deshalb sind wir in Sorge. Ökonomisch ist die Massnahme genau das falsche Rezept. Denn die niedrigen Zinsen lösen kaum noch Wachstumsimpulse aus. Viel wichtiger wäre die Fortsetzung der Strukturreformen zur Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Politik des billigen Geldes wird zum Irrweg.“

Otmar Lang, Chefökonom Targobank:
„Auch wenn sich die konkreten Auswirkungen für private Sparer stark in Grenzen halten werden, ist die Strategie der EZB aus mehreren Gründen kritisch zu sehen. Zum einen nimmt die Niedrigzinspolitik immer extremere Formen an, obwohl schon die bisherigen Massnahmen keinen wirklich durchgreifenden Erfolg zeigten. Eines ihrer wichtigsten Ziele, nämlich die Banken zu einer grosszügigeren Kreditvergabe an die Wirtschaft zu bewegen, hat die EZB bislang nicht erreicht. Zum anderen erreichen die europäischen Aktienmärkte – insbesondere der DAX – befeuert durch die niedrigen Zinsen Woche für Woche neue Höchststände. Diese Entwicklung ist jedoch nicht durch die konjunkturelle Entwicklung in Europa unterlegt. Insbesondere für europäische Aktien sehe ich daher die Gefahr für eine Blasenbildung. Last but not least existiert derzeit auch keine wirkliche Deflationsgefahr, die extreme Massnahmen rechtfertigen würde. Die heutige Entscheidung der EZB geht daher zu weit.“

Ulrich Wortberg, Analyst Helaba:
„Die EZB hat die Markterwartungen mit der Zinssenkung erst einmal erfüllt. Grosse Überraschungen gab es nicht, von daher wundert es mich, dass der Euro jetzt nachgibt. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Pressekonferenz mit EZB-Chef Mario Draghi, da wird sicherlich noch einiges kommen.“

Ulrich Leuchtmann, Devisenstratege Commerzbank:
„Die Zinssenkung war keine Überraschung. Aber es gibt den Hinweis der EZB, dass noch mehr kommt. Der Markt setzt offensichtlich darauf, dass eine starke Liquiditätsmassnahme in hohem Umfang kommen könnte oder eine deutliche Andeutung, dass es QE durch die EZB geben könnte – deshalb fällt der Euro. Ich empfinde das allerdings als mutig, denn es könnten ja auch lediglich relativ schwache Massnahmen verkündet werden.“

Marcel Fratzscher, Präsident des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung:
„Für sich betrachtet sind die Zinssenkungen und der negative Einlagezins eher symbolische Massnahmen: Sie werden weder die Kreditvergabe in den Krisenländern massgeblich verbessern noch das Deflationsrisiko deutlich mindern. Ich interpretiere sie aber als Startsignal und Anfang einer neuen EZB-Strategie einer stärkeren geldpolitischen Expansion. Als erste Schritte in einer Reihe von weiteren Massnahmen in den kommenden Monaten sind sie bedeutungsvoll. Die EZB-Massnahmen bergen grosse Risiken: Sie könnten die Blasenbildung und das riskante Verhalten von Banken noch verstärken. Allerdings wäre es noch riskanter und eine deutlich schlechtere Option, wenn die EZB nichts täte.

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des deutschen Bankenverbands:
„Ein negativer Zins auf die Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB wird kaum zur gewünschten Belebung der Kreditvergabe und des Interbankenmarktes führen. An Liquidität zur Kreditvergabe mangelt es im Eurosystem nicht. Es sind eher überschuldete Unternehmen beziehungsweise hohe Kreditrisiken, die in den Peripherieländern eine Ausweitung der Kreditvergabe verhindern. Die Banken werden daher vermutlich entweder ihre Überschussliquidität weiter abbauen oder lieber Verluste durch den negativen Einlagenzins in Kauf nehmen, als zu hohe Risiken an anderer Stelle einzugehen – etwa durch zusätzliche Interbankenkredite.“

Holger Sandte, Europa-Chefanalyst Nordea:
„Mit den Zinssenkungen hat die EZB meine Erwartungen erfüllt. Vermutlich werden auf der Pressekonferenz weitere Massnahmen bekanntgegeben, die auf eine stärkere Kreditvergabe der Banken abzielen. Wunderwirkungen sollte man allerdings von all dem nicht erwarten. Interessant wird werden, wie sich (EZB-Chef Mario) Draghi zum ’starken Euro‘ äussert und wie weit offen die Tür für weitere Massnahmen bleibt.“

Jörg Krämer, Chefökonom Commerzbank:
„Die EZB hat ihren Hauptrefinanzierungssatz nur um 10 Basispunkte auf 0,15 Prozent gesenkt und nicht wie von den meisten Beobachtern erwartet um 15 Basispunkte. Wenn die EZB ihre Politik in den kommenden Monaten noch einmal lockern wollte, könnte sie ihre Leitzinsen also noch einmal senken und müsste nicht direkt zum Hammer der Staatsanleihenkäufe greifen. Der negative Einlagenzins führt nicht dazu, dass die Banken in den Krisenländern mehr Kredite an die Unternehmen ausreichen. Denn die Banken leiden nicht unter vermeintlich zu hohen Notenbankzinsen, sondern unter dem hohen Bestand fauler Kredite, an dem Negativzinsen nichts ändern. Die wahren Nutzniesser des negativen Leitzinses sind die Finanzminister der hochverschuldeten Krisenländer.“

Jörg Zeuner, KFW-Chefökonom:
„Die Zinssenkung von heute gibt wenig neue Impulse für richtiges Wachstum. Die EZB muss daher vielleicht sogar noch mehr tun. Für die Sparer ändert sich mit dem heutigen Schritt wenig. Die wichtigste Einkommensquelle für die überwältigende Mehrheit aller Europäer ist ohnehin das Gehalt, der Lohn oder die beitragsfinanzierte Rente. Das alles steigt nur, wenn die Wirtschaft wächst. Dann steigen auch die Zinsen an den Finanzmärkten – übrigens auch ohne die EZB – wieder, denn es wird mehr investiert und die Nachfrage nach Kredit steigt. Wie wir das schaffen, darüber sollten wir derzeit vor allem nachdenken.“

Quelle: cash.ch

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