Kursmanipulation am Ölmarkt!?

tf1 Team 4. Juli 2009 0

Als Daytrader muß man bekanntlich zu Jederzeit mit Allem rechnen – Dies gilt insbesondere, wenn man Ölkontrakte auf Termin handelt. Besonders dieser Markt zeigt, wie wichtig ein striktes Risiko- und Moneymanagement ist.

Aktuell werden wieder einmal Vorwürfe gegen ein Londoner Ölhandelsunternehmen erhoben. Dies wäre nichts Besonderes, wenn die vermeintliche Vorgehensweise diesmal nicht besonders dreist gegen aufsichtsrechtliche Auflagen verstoßen hätte…


Von Andreas Oldag, London

Zocken ohne Gnade:  Mit waghalsigen Spekulationen treibt ein Broker den Ölpreis auf ein Jahreshoch – sehr zum Ärger seines Arbeitgebers.

Wie jeden Morgen herrscht reger Betrieb vor dem Büro der Londoner Ölhandelsfirma PVM Oil Futures Ltd. in der Jermyn Street unweit des Piccadilly Circus. Doch die jungen Broker geben sich wortkarg. „Kein Kommentar“, wehrt ein Anzugträger Fragen ab.

PVM ist in einem der größten Handelsskandale mit Rohstoffen verstrickt. Jetzt wurde bekannt, dass ein PVM-Broker am Dienstag dieser Woche offenbar Öl-Terminkontrakte im erheblichen Umfang gehortet hatte. Dabei soll es mindestens um sieben bis zehn Millionen Barrel (1 Barrel = 159 Liter) Öl gegangen sein. Das ist eine gewaltige Menge, die etwa der täglichen Ölproduktion Saudi-Arabiens entspricht. Die Folge: Am selben Tag sprang der Ölpreis an den internationalen Rohstoffbörsen um zwei Dollar nach oben.

Es seien nicht autorisierte Handelsaktivitäten eines Brokers gewesen, erklärte PVM-Chef Robin Bieber. Man habe die Transaktionen sofort gestoppt, obgleich das Unternehmen einen Verlust von zehn Millionen Dollar hinnehmen musste, so Bieber.

Wetten auf Preise

Der beschuldigte Händler, dessen Name Medienberichten zufolge mit Steve Perkins angegeben wird, muss jetzt mit einer hohen Geldstrafe und einem Berufsverbot rechnen. Er soll das Unternehmen bereits verlassen haben. PVM erklärte sich bereit, mit der britischen Finanzaufsichtsbehörde Financial Services Authority (FSA) bei den anstehenden Ermittlungen zusammenzuarbeiten.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf das internationale Rohstoff-Monopoly. Spekulationsgeschäfte treiben den Ölpreis immer wieder nach oben. Das Nachsehen hat der Verbraucher, der für das schwarze Gold trotz eines derzeit großen Marktangebots überhöhte Preise zahlen muss. Noch ist nicht klar, ob der PVM-Händler auf eigene Faust agierte, oder aber im Auftrag von Kunden. Öl ist einer der am meisten gehandelten Rohstoffe an den internationalen Rohstoffbörsen London Intercontinental Exchange (ICE) und Nymex in New York.

Gehandelt wird mit der angenommenen Nachfrage von morgen. Es sind Wetten auf steigende oder fallende Preise. Diese Spekulationsgeschäfte wirken dann auf die Preise an den internationalen Spotmärkten zurück, wo kurzfristig Rohöl oder Mineralölprodukte gehandelt werden.

Kaum konkrete Beweise

Am Dienstag dieser Woche ist es nach Berichten von Experten geradezu hektisch an der ICE zugegangen. „Um zwei Uhr nachmittags kam es zu einem deutlichen Preissprung und daraufhin starker Volatilität“, meint Stephen Schork, Direktor der amerikanischen Öl- und Energie-Analysefirma Schork Group. Die Ausschläge seien ein klares Indiz dafür gewesen, dass jemand dort mit manipulativer Absicht gehandelt habe, so Schork. Tatsächlich kletterte der Ölpreis an diesem Tag um zwei Dollar auf ein Achtmonatshoch von 73,5 Dollar je Barrel. Inzwischen ist der Preis auf 66,5 Dollar gefallen.

PVM Futures gehört zur international tätigen Ölbrokerfirma PVM Oil Associates mit 160 Beschäftigten. Firmensitz ist das Steuerparadies Bermuda. Das tägliche PVM-Handelsvolumen umfasst Terminkontrakte für bis zu 100 Millionen Barrel Öl.

Börsenaufsichtsbehörden haben ein kritisches Auge auf die Branche geworfen. Vor allem während der Rohstoffhausse im vergangenen Jahr, die den Ölpreis auf bis zu 147 Dollar je Barrel steigen ließ, gingen die Aufseher dem Verdacht nach, dass Ölhändler den Preis künstlich hochgetrieben haben könnten. Konkrete Beweise für Marktmanipulationen gab es jedoch kaum.

Gleichwohl erhöhte insbesondere der US-Kongress seinen Druck auf die amerikanische Terminmarktaufsicht CFTC (Commodity Futures Trading Commission), strengere Regeln zu erlassen. CFTC-Beamte sprachen indes von einem „schwarzen Loch“ in Europa, weil die ICE in London lange Zeit nicht den strengeren Auflagen wie in den USA unterlag. Erst im vergangenen Herbst einigten sich die britische FSA und die amerikanische CFTC auf schärfere Transparenzvorschriften.

Manipulationen – schwer nachzuweisen

Danach müssen Brokerfirmen täglich detaillierte Informationen über ihre Handelspositionen von Öl-Terminkontrakten veröffentlichten. Dies bezieht sich auf die am meisten gehandelte Ölsorte West Texas Intermediate (WTI). Kritiker halten die neuen Vorschriften jedoch nicht für ausreichend, weil es noch immer keine weltweit verbindlichen Obergrenzen für den Handel mit Terminkontrakten gibt.

Experten streiten indes über den Einfluss von Spekulationsgeschäften auf den Ölpreis. Jason Schenker, Rohstoff- und Energieanalyst von der amerikanischen Bank Wachovia, schätzt, dass spekulative Transaktionen den Ölpreis allenfalls um etwa zehn Prozent steigen oder fallen lassen. Insofern dienen die angeblich perfiden Ölspekulanten Politikern auch als Sündenbock, von eigenen Versäumnissen abzulenken. Für das Ölförderkartell Opec ist es ein bequemes Argument, Forderungen nach Erhöhung ihrer Erdölförderung abzuwehren.

Marktmanipulationen sind dagegen ohnehin schwer nachzuweisen. Auch wird seitens der FSA betont, dass man keineswegs den Handel mit Öl-Terminkontrakten unterbinden wolle.

Quelle:  Sueddeutsche.de


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